FAZ 07.06.08 - Freie Fahrt für freie Köpfe (Hannes Hintermeier)

Die Dinge, mit denen wir uns umgeben, sollen unser Innenleben spiegeln: Der Wiener Michael Embacher ist als Architekt und Designer erfolgreich. Aber seit sich eine alte Leidenschaft seiner bemächtigt hat, dreht er als Sammler ein ganz großes Rad- mit zweihundert Fahrrädern auf seinem Dachboden

Das Schöne am Bahnradfahren ist, dass man freie Bahn hat. Von einer solchen kann man auf den Straßen im siebten Wiener Gemeindebezirk gemeinhin nicht ausgehen. Am Gürtel rauscht der Verkehr, und in der Kaiserstraße poltert die Straßenbahn. Für ein Bahnrad keine natürliche Umgebung. Denn ein solches hat zwar alles, was ein Rad braucht, aber mehr nicht. Zum Beispiel hat es keine Bremsen. Um zu halten, wirft sich der geübte Pedaleur mit dem Oberkörper nach vorn über den Lenker, lupft das Hinterrad auf um dadurch stehenzubleiben. Oder aber man fixiert den Haltepunkt weit voraus und lässt das Rad ausrollen. Beides sind Varianten die den geübten Bicyclisten verlangen. Ein solcher ist Michael Embacher. Er bewegt nicht nur Bahnräder, er denkt auch darüber nach: „Radfahren ist etwas fürs Hirn. Wie Zen. Man muss extrem vorausschauend fahren, das macht den Kopf frei.

Der vierundvierzig Jährige Embacher ist einer, der wie man heute sagt, an einer „Schnittstelle“ arbeitet- als Architekt für Innen und Außen, als Sachenerfinder, Designer, Raum und Ausstellungsgestalter.
Das erste Rennrad hatte er mit zehn, ein Puch, naturgemäß. Vom Modell Mistral Ultima, dem schnellsten Rad, das Puch jemals produzierte, konnte er nur träumen. Der geborene Wiener ist im salzburgerischen Pinzgau und im Schweizer Kanton Aargau groß geworden, ein wenig hört man das noch an seiner kehligen Aussprache. Ein neu-sachlich-kreativer Kopf mit blau getönter Designerbrille, der es vom abgebrochenen Architekturstudenten zu einem Büro mit vierzehn Mitarbeitern gebracht hat, das er nun schon im fünfzehnten Jahr erfolgreich betreibt. Ins Licht der Öffentlichkeit ist Embacher merkwürdigerweise als Fahrradsammler getreten. Und das kam so:

Eines unschönen Tages stellte er sein Mountainbike „für zwanzig Sekunden“ vor einem Laden ab. Als er wieder herauskam, war das noble Stück zu einem neuen Besitzer gewechselt. Der geprellte beschloss, fortan nur noch gebrauchte Räder zu kaufen. Im Netz fand er ein silbern schimmerndes Rennrad der Marke Rigi, das ihm gefiel und das seinem Leben eine andere Richtung geben sollte. Embacher kaufte es, ohne zu wissen, was er da erwarb, und alsbald kamen die ersten Gratulanten, die ihn zu der Rarität beglückwünschten. Da hatte sich der Virus wohl schon festgesetzt, denn in schneller Folge legte sich Embacher zweihundert Räder aller Art zu, Klappräder, Rennräder, Kinderräder, Tandems- alles innerhalb von nur fünf Jahren.

Er fand seltene Exemplare, die schon als Irrwege der Designgeschichte als verschollen galten, wie etwa jenes Klapprad, das Richard Sapper (der Erfinder der „Tizio“- Lampe) in eine Auflage von lediglich sechzig Exemplaren fertigen ließ, weil die Herstellung viel zu teuer war. Embacher erstand seines für gerade mal fünfhundert Euro. Und fand so Zugang zu dem berühmten Designer, der so angetan von dessen Leidenschaft war, dass er 2006 zur Eröffnung der Ausstellung im Museumsquartier aus Mailand anreiste. In drei Wochen sahen zwölftausend Besucher dort Embachers Räder: derzeit tourt die Schau durch Österreich. Dermaßen angestachelt, produzierte Embacher für viel Geld- renommierte Verlage in Deutschland und England winkenden ab - den Bildband „Smart Move“, der fünfzig ausgewählten Sammlerstücke präsentiert.

Das schwere Buch ist eine Augenweide, noch nie hat man Räder dermaßen sexy und detailverliebt gesehen wie auf den Bildern des Fotografen Bernhard Angerer. Der nahm sich achtzehn Wochen zeit, um die Schönheiten und Skurrilitäten auf einem weißen Spiegel so auszuleuchten, dass sie in maximaler Plastizität erstrahlen. Der Band, den es nur online zu kaufen gibt, zieht seine Kreise. Neuerdings bekommt Embacher schon mal Post von Leuten wie Valentino Campagnolo, dem Oberhaupt der gleichnamigen Fahrradkomponenten- Dynastie; oder er hört auf Umwegen, dass sich der fünffache Tour- Sieger Eddy Merckx begeistert über den Band geäußert habe.

Der Rummel aus der Sammellage ficht Michael Embacher auf eine sympathische Manier nicht an. Denn hier liegt ein Missverständnis vor: Er ist nicht aus sport- oder technikgeschichtlichem Interesse ans Radsammeln gegangen, sondern lässt sich rein von ästhetischen Aspekten leiten. Und weil er die Räder auch fahren wollte, spüren wollte, wie sie sich anfühlen: „ Das Rad ist ein hochkomplexes mechanisches Gerät, das eigentlich ausgereizt ist und trotzdem ununterbrochen fortentwickelt wird- das hat mich fasziniert: Es ist mehr Rad, je weniger dran ist.“ Dass er die teilweise sehr seltenen Stücke auch bewegt, gefällt manch anderen Sammlern gar nicht.

Unlängst hat er das Lotus Carbon einer Fahrradmechanikerin geliehen, die damit ein Rennen bestritten hat. „Gerade das gefällt mir, weil ich mir halt denke: Die Radeln sind schließlich dazu gebaut worden.“ Dabei ist der Bolide längst museal, markiert er doch einerseits die Bemühung der Rennwagenfirma Lotus, in den Radsport einzusteigen, und zum anderen den Beweis, dass eine neue Formensprache im Rahmenbau auch auf der Strasse erfolgreich hätte sein können- Chris Bordman fuhr darauf Stundenweltrekord und gewann olympisches Gold. Dann verbot der internationale Radsportverband diese Rahmenform.

So aber lautet die Lex Embacher: Was für einen Radrahmen gilt, muss auch für alle andere Gestaltungsprinzipien gelten. Die Dinge sollten Hand und Fuß haben, das heißt, sie sollten im Idealfall das Innenleben ihres Besitzers wiederspiegeln - ein Teil von ihm sein, und nicht zugekaufte Materie. Wer sich über Marken definiert und sich von ihnen einen Distinktionsvorsprung erhofft, ist schon uninteressant. Mit dieser Maxime geht Michael Embacher alle seine Aufgaben an. Offensichtlich zahlt sich das mittlerweile aus, zumal in Wien als der Hauptstadt eines Landes im Aufschwung- nicht nur in der Kunst der Gestaltung, sondern in einer schleichenden geistigen Wiedergewinnung des Habsburger Imperiums.

Aber je mehr das kleine Land wirtschaftlich wieder erstarkt, seine Metropolregionen durch Flächenfraß verstümmelt, desto entschiedener regt sich der Widerstand gegen diese Verschweigung des Lebens durch den Baumarkt. In diesen paradoxen Zusammenhang fällt für Embacher auch der Umstand, dass der größte Baumarkthändler Österreichs, Karlheinz Essl, sich am Stammsitz Klosterneuburg ein stattliches Museum für seine Kunstsammlung gebaut hat, und nun erklärt, er wolle seinen Landsleuten Brücken zur Kurst bauen. Wie geht das zusammen, dass einer reich wird, indem er den schlechten Geschmack der Heimwerker bedient und dann Wein predigt?

Längst gibt es vorbildliche Architektur, die ganz behutsam mit dem klassischen Material Holz umgeht, längst hat Österreich in Sachen Ausstellungsarchitektur größeren Nachbarländern gezeigt, wo der Hammer hängt. Der ideale Kunde Embachers sieht deswegen anders aus als der typische Reihenmittelhausbesitzer: Er sollte den Willen und die Vorstellung haben, was er dem Einheitsbrei entgegenzusetzen bereit ist. Kleingeld sollte er auch mitbringen. Dafür widerfährt ihm einfühlende Diskretion, ein Moment, das gerade solche Kunden schätzen, die es nicht nötig haben ihren Reichtum auszustellen.

Wie jene Dame, die aus einer Industriellen Familie stammt und unweit des Opernrings in einem Stadtpalais Firmensitz und Wohnung vereint. Nicht nur die Büros hat Embacher mit seinem Team gestaltet- Terrazzo mit Mosaiken im Hausflur, Bambusböden und –tische in den Büros, beinahe fugenlos bündig schließende Türen, Fenster die sich auf Knopfdruck in Milchglas verwandeln, ein gläsernes Treppengeländer, das ohne Stützen die Stufen hinabzufließen scheint. Die Besitzerin hat sich unlängst eine mit allen technischen Schikanen ausgestattete Galerie auf zwei Ebenen einbauen lassen. Dort zeigt sie Bilder ihrer Sammlung, derzeit den Fotografen Frank Horvath- aber eben nur für Freunde.

Es stimme schon, sagt Embacher bei der Führung durch diese Privatgalerie, er habe manchmal Kunden, die sagten: Machen Sie was Schönes, wenn es fünfzigtausend Euro mehr kostet, ist es auch nicht schlimm. Aber gerade diese Kunden seien umgekehrt in ihren Ansprüchen absolut kompromisslos. Für die Wohnung der Kunstliebhaberin hat er eine von der Wand abgerückte und von hinten beleuchtete Bibliothek geschaffen, die im Raum zu schweben scheint und den inszenatorischen Charakter einer Bücherwand auf die Spitze treibt, ohne dass sich das Konzept vor die Bücher schöbe.

Aufträge wie diesen bekommt Embacher auf dem Empfehlungsweg. Das freut in besonders. Obwohl sich im 7. Bezirk mittlerweile viele Architekten niedergelassen haben- er nennt sie die „Gschmeidigen“- kann Embacher seinem bewährten Akquiseprinzip treu bleiben:“ Wir leben ausschließlich von Mund- zu-Mund Propaganda. Wir nehmen nie an Wettbewerben teil, das Geld sparen wir uns. Ich investiere nicht in 3-D Animationen, ich investiere lieber in die Qualität des Produkts.“ Die Schwierigkeit sei, dass, je reduzierter die Architektur sich benähme, desto weniger sei ihre Wirkung auf Plänen vermittelbar.

Er braucht also schon Menschen, die Vertrauen in die Gestaltungskraft haben. Dazu zählten zum Beispiel Besucher von Ausstellungen, die auch einen Blick für die Architektur der Schau hätten. So geschehen im Falle der aus Österreich stammenden Keramikkünstlerin Lucie Rie, deren Werke 1999 in der Galerie des Museums für Angewandte Kunst gezeigt wurden. Damals installierte Embacher unter die Hälfte der dreihundert Exponate batteriegespeiste Elektromotoren, die nach dem Zufallsprinzip die Keramikschalen in kaum merkliche Drehbewegung versetzen. So wurde deutlich, was im Stillstand nicht zu erkennen war- die Unwucht der an sich perfekt gearbeiteten Teile, ihr Handgemachtheit sozusagen.

Einmal kam in der Kaiserstraße ein Fax an, das Embacher zur Teilnahme an einem Wettbewerb aufforderte: Es gelte, die österreichische EU-Ratspräsidentschaft zu gestalten, schrieb das Bundeskanzleramt. Aber Embacher hatte keine Lust, als Zählkandidat teilzunehmen, dachte er doch als routinierter Wiener, längst hätte ein Gschmeidiger den Auftrag in der Tasche. Er überwand sein Misstrauen und erhielt den Zuschlag, weil er auf die Babyfrage, weshalb er glaube, der richtige Mann für den Auftrag zu sein, eine wahre Geschichte erzählte.
Dass er nämlich für eine Beamtin des Kulturministeriums einen Vogelkäfig gebaut habe, in dem ein Paar seltene Papageien, denen man nachsagt, in Gefangenschaft nicht zu brüten, selbiges doch erfolgreich getan habe. Und daher traue er sich zu, auch Dolmetscherkabinen zu entwerfen. Solcherart sind die Geschichten, die Embacher präsentiert, und dass er sie mit Stolz erzählt, kann man verstehen- an der Universität hat man ihm seinerzeit einen kompletten Mangel an Begabung attestieren wollen.

Das Handwerkliche, das Material sind dem Architekten, anders als manchen Kollegen, „extrem wichtig- wenn’s reinregnet, fehlt was.“ Das haben auch unwissentlich viele der zwölftausend Besucher registriert, die täglich ins Schloss Schönbrunn strömen. Dort steht man in den Herrentoiletten vor einer Buchenhecke, eine Anspielung auf die barocke Gepflogenheit, fürs Geschäfterl bei Gartenfesten schnell hinter der nächsten Schlossparkhecke zu verschwinden. Damit das Heckenbild an den Plattenstößen gleichmäßige Übergänge hat, haben Embachers Leute vier Wochen lang am Computer getüftelt. „ Ich hatte fürchterliche Angst, dass es aussieht wie eine Fototapete“, erklärt er, während er bereits auf sein nächstes Werk zusteuert: Im Kronprinzengarten hat er seine zeitgenössische Interpretation eines Salettls- Fachausdruck: Treillagepavillon- aufgestellt, in gelasertem Nirostastahl.
Ein gestisch mutiger, formal zurückhaltender Baukörper, der viel Aufmerksamkeit erzeugt.

Menschen mit einem Sinn für Individualität sind wieder auf dem Vormarsch, daran glaubt Michael Embacher fest. Auch wenn er vorderhand „in der Masse“ nur welche entdeckt, „die das Schauen verlernt haben. Um es überspitzt zu sagen: Gucci und coop himmelb(l)au statt Eigenverantwortung.“ Denn heutzutage sei eben alles Design- vulgo Schminke. Dazu zählen für ihn auch so berühmte Stücke wie Phillipe Starcks Zitronenpresse: „Das ist für mich kein Design, sondern Deko. Sieht sehr gut aus, saut aber die ganze Küche ein.“ Ähnliches widerfährt ihm, wenn er mit seinem alles andere als wohldesignten und viel zu schweren BMW- Mountainbike vorfährt. Dann kassiert Embacher wegen der drei Buchstaben auf dem Rad begeisterte Kommentare. Ob das wirklich ein BMW sei?

Es sei ein Kreuz der Menschheit, die nicht erkenne welches geniale Verkehrsmittel das Rad in jeder Hinsicht ist, sagt Embacher mit einem sehr tiefen Seufzer. Wenn er nur eine Idee hätte, wie er seine Mitmenschen anstacheln könnte auf das Fahrrad umzusteigen? Aber in Wien genieße das Radfahren eben überhaupt keine gesellschaftliche Akzeptanz. Das Radwegsystem sei miserabel, die Rücksichtsnahme der Autofahrer inexistent. Man hat dennoch den Eindruck, er brüte insgeheim über eine Lösung. Wer weiß, vielleicht fällt dem Ideenbastler etwas ein. Aber einfach wird das nicht. Weil das Einfache das Schwierige überhaupt ist.

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